PORTRÄT STRONG MINDS

Hilfe, wo der Schrei ein stummer ist

Weltweit leiden laut einer Schätzung der WHO rund 280 Millionen Menschen unter einer Depression. Auch in Afrika sind sehr viele Menschen betroffen, hier ist die Dunkelziffer der Betroffenen besonders groß. Die NGO StrongMinds hilft afrikanischen Frauen mittels Therapieangeboten, ihr Leben wieder in die eigenen Hände zu nehmen und Zuversicht zu gewinnen.

Text: Philipp Hauner, Fotos: StrongMinds

Wer an das Leid in Afrika denkt, hat häufig Armut und Hunger, Malaria und HIV im Kopf. Die entsprechenden Bilder: Menschen mit aufgeblähten Hungerbäuchen, blutrote Stechmücken und Slums mit Wellblechhütten. Dass aber auch Depressionen die Leben vieler Menschen auf unserem Nachbarkontinent beeinträchtigen, dem wird bislang kaum Beachtung geschenkt. StrongMinds möchte das ändern. Die Hilfsorganisation klärt seit fast zehn Jahren in Afrika über Depressionen auf und ermöglicht dringend notwendige Hilfe. Mit ihrem Angebot füllt die NGO eine Lücke im Netz der Wohltätigkeitsorganisationen, die auf dem zweitgrößten Erdteil tätig sind. Und tut das zudem außergewöhnlich effizient.

Doch der Reihe nach: Es war im Februar 2013 als Sean Mayberry seinen schon länger gereiften Wunsch in die Tat umsetzte. Der gebürtige US-Amerikaner war zuvor jahrelang als Diplomat und Sozialunternehmer in Afrika tätig. In verschiedenen Ländern der Subsahara hatte er sich mit den typischen Krisenthemen der Region auseinandergesetzt. „Die Hilfscommunity“, blickt Mayberry zurück, „hatte sich, was historisch gewachsen ist, auf die Bekämpfung von HIV, Hunger und Malaria konzentriert.“ In seiner Zeit in Afrika wird ihm auch immer deutlicher bewusst, dass ein zentrales Thema bei der Palette an Hilfsangeboten völlig fehlte: „Mentale Gesundheit wurde von keiner einzigen Hilfsorganisationen ernsthaft abgedeckt“, erzählt der Mann in seinen Mittfünfzigern. So erlebte StrongMinds ihre Geburtsstunde, zunächst aus den privaten Mitteln von Mayberrys Ersparnissen.

Warum Depressionen gerade in Afrika ein gravierendes Problem sind? Dafür gibt es laut Sean Mayberry einen ganz wesentlichen Grund – ganz abgesehen davon, dass eine Depression alle Menschen treffen kann, unabhängig vom kulturellen oder geografischen Background. Und Betroffene gleichermaßen unter dem Nebel an negativen Gedanken und Emotionen leiden. Der Unterschied sei jedoch, dass hierzulande das Krankheitsbild bekannt ist und Betroffene sich schnell Hilfe holen können. „Beides“, sagt Mayberry, „trifft auf weite Teile Afrikas nicht zu. Depression ist als klinische Diagnose nicht bekannt. Wir stellen tausendfach fest, dass Frauen, bevor sie zu uns kommen, immer denken, sie wären die allereinzigen mit ihrem Problem, das sie nicht einmal benennen können.“

Wie sehr die Betroffenen unter dieser Situation leiden, kann man sich da nur ansatzweise vorstellen. Zwar gebe es in vielen afrikanischen Sprachen Wörter, die die Symptomatik einer Depression beschreiben. Im ugandischen Luganda etwa bezeichnet Enyike ein Gefühl großer Niedergeschlagenheit und tiefer Traurigkeit, das Appetit- und Schlaflosigkeit hervorrufen kann. Ähnlich beschreibt der ostugandische Dialekt Lumasaba mit dem Begriff Kumutambo Kumukali, eine Person, die ihr Interesse am Leben verloren hat, sich wertlos fühlt und immer mehr zurückzieht.

„Das Problem ist jedoch “, fährt Mayberry fort, „dass die Depression meist immer noch nicht als Erkrankung betrachtet wird, die geheilt werden kann.“ Stattdessen würden die Leiden der Betroffenen auf persönliche Eigenschaften wie etwa Faulheit oder einen schwachen Geist zurückgeführt, teilweise gälten depressive Menschen gar als verhext oder verflucht. „Daher ist es enorm wichtig, diese Fehlkonzeption zu durchbrechen und die Stigmatisierung von Depression zu beenden“, so der US-Amerikaner. Erst wenn offen über das Thema gesprochen würde, könne Hilfe entstehen und in Anspruch genommen werden.

Ugandische Frauen freuen sich über die wiedergewonnene Lebensfreude.

StrongMinds Gründer Sean Mayberry mit zwei Frauen aus Simbabwe, die Therapiegruppen leiten.

So wie es die 33-jährige Pamela aus dem nordugandischen Bezirk Lamwo tat. Als Geflüchtete, chronisch Kranke und Mutter dreier Kinder war sie ohnehin schwer belastet. Die überraschend hohen Kosten einer notwendigen Operation wurden schließlich der bekannte sprichwörtliche Tropfen zu viel: Pamela fiel in eine tiefe Depression, verlor zunehmend ihr soziales Umfeld und wurde von Selbstmordgedanken geplagt. Über eine andere Hilfsorganisation fand sie Zugang zu StrongMinds und einem Hilfsangebot: Sie begab sich in eine gruppentherapeutische Behandlung.

Während acht Treffen mit anderen Teilnehmerinnen und einer psychologischen Trainerin konnte sie ihren Schmerz ausdrücken, lernte Bewältigungsstrategien, fand neue Freundschaften. Und sah, dass sie nicht die einzige Frau war, die so negative Gedanken quälten. Dank der Intervention könne sie heute wieder ihr Leben meistern, sagt Pamela, sich gut selbst und ihre Kinder versorgen und einer Arbeit nachgehen. Zudem unterstützt sie heute selbst einige Frauengruppen bei StrongMinds und begleitet Betroffene, die gerade in einer Depression stecken.

Ähnlich wie Pamela ging es auch der 47-jährigen Elizabeth. Der tragische Verlust all ihrer Kinder machte sie völlig apathisch, sie erinnert sich, dass sie nur noch allein still dasitzen habe wollen: „Die Gedanken hörten einfach nicht auf, meine Hände wurden taub, ich war unendlich müde und konnte trotzdem nicht schlafen.“ Auch sie fand durch eine Gruppentherapie von StrongMinds zurück ins Leben und trifft sich heute weiterhin regelmäßig mit den Frauen, die sie dort kennengelernt habe: „Es ist wichtig zusammenzukommen, denn es gibt Rückfälle in die Depression. Doch dann können wir aufeinander bauen.“

Bereits mehr als 160.000 Frauen in Uganda und Sambia hat die NGO seit ihrer Gründung mit ihren Angeboten erreicht. Und konnte 80 Prozent der Behandelten helfen, sich von ihrer Depression zu befreien. „Wir setzen auf eine achtwöchige Gruppentherapie“, erklärt Gründer Sean Mayberry, „sie ist effizient und stiftet Gemeinsinn.“ Es gehe dabei, Antworten auf ganz konkrete, lebenspraktische Fragen zu finden und natürlich die Ursprünge der Depression besser zu verstehen. Hinabtauchen in die eigene, verästelte Seele wie in der klassischen Psychoanalyse ist hingegen nicht das Programm bei StrongMinds. „Alleine schon aus Effizienzgründen können wir das nicht leisten“, sagt Mayberry.  „Auch mit der ugandischen Regierung, die vom Erfolg unserer Bemühungen sehr beeindruckt ist, haben wir heute eine gut funktionierende Partnerschaft und werden von dort in vielerlei Hinsicht unterstützt“.

Und Effizienz, die ist dem US-Amerikaner mit dem grauen Bart und den neugierigen, freundlichen braunen Augen sehr wichtig, denn: „Je besser wir unsere Ressourcen einsetzen, desto mehr Menschen können wir helfen.“ Und der Bedarf ist riesig: Laut WHO haben 85 Prozent der bedürftigen Menschen in Dritte-Welt-Ländern keinen Zugang zu entsprechender medizinischer Versorgung. Für Uganda und Sambia geht Mayberry von einem weit höheren Prozentsatz aus.

Wie Pamela und Elizabeth konnte StrongMinds bereits zehntausenden anderen Frauen in Afrika einen Weg aus ihrer Depression bahnen. Die Gründe für die Erkrankung sind dabei so vielfältig und ähnlich wie hierzulande: Krankheiten, Trauerfälle oder der Verlust des vertrauten Umfelds. „Viele Frauen werden depressiv, wenn sie ihre dörfliche Struktur verlassen und in eine Großstadt ziehen“, berichtet Mayberry, „einige, wenn sie sich ständig mit ihrem Partner darüber streiten, wie sie die umgerechnet zwei Dollar pro Tag am besten ausgeben.“ Ohnehin ist der Zusammenhang zwischen Armut und Depression ein gewaltiger. Die herkömmliche Entwicklungsarbeit setzt dabei den Fokus auf die Armutsbekämpfung – und lindert so indirekt depressive Symptomatiken.

StrongMinds hingegen hat gezeigt, dass – Achtung – der Weg auch in umgekehrter Richtung funktioniert: Armutsbekämpfung durch Depressionsbehandlung! Und zwar besonders gut. Dass eine Investition in mentale Gesundheit weit effizienter ist, als der direkte Transfer von Geld und Gütern, belegt eine Studie des Happier Lives Institute in Oxford. Ihr erstaunliches Ergebnis: Die psychotherapeutischen Angebote übersteigen den Wirkungsgrad von Geldtransfers um das neunfache, bezogen auf das subjektive Wohlbefinden. Die dort erlernten Fähigkeiten wirken nachhaltig, monetäre Transfers sind einmaliger Natur, die die Empfänger nicht genauso stark aktivieren.

Nach einer erfolgreichen Therapie können Frauen wieder arbeiten, sich um Mahlzeiten kümmern, dafür Sorge tragen, dass ihre Kinder regelmäßig zur Schule gehen – alles Dinge, die typischerweise während einer Depression oder in einer depressiven Phase vernachlässigt werden. Das ist neben dem weit verbreiteten Unwissen um die Erkrankung in Afrika auch der zweite Grund, wieso gerade auf unserem Nachbarkontinent die therapeutischen Hilfsangebote besonders stark benötigt werden: „In Afrika, mehr als vielleicht in jeder anderen Region der Welt noch“, erklärt Mayberry, „ist die Frau die tragende Säule der Familie. Bricht sie weg, funktioniert gar nichts mehr.“ Ihm zufolge sei die Depression nicht nur die am weitest verbreitete psychische Erkrankung in Afrika, sondern auch die häufigste Ursache für den Zusammenbruch ganzer Familiensysteme. Und umgekehrt: Sind die Frauen stark, so sind es die Familien auch.

Die versammelten Argumente haben auch Peter Binderer überzeugt:  Als er im Herbst 2019 nach drei intensiven Workshop-Tagen mit seinem Spendenberater Stefan Sippell auf die erarbeiteten Ergebnisse schaut, steht seine Entscheidung fest. Und zwar so fest, dass er keine weitere Nacht mehr darüber schlafen musste: Eine großzügige Summe seines Spendenbudgets geht an StrongMinds. „Ich finde es verblüffend“, sagt Binderer, „wie gut und effizient die Organisation hilft und dabei das Schneeballsystem nutzen kann, indem erfolgreich behandelte Frauen vielen anderen betroffenen helfen, sich aus ihrer Situation zu befreien. Leben lebenswert zu machen, heißt: nicht nur auf die körperliche Gesundheit, sondern gleichermaßen auf die mentale Gesundheit achten! “ Ihm gefällt, dass die NGO mit ihrem Engagement auch hierzulande einen Blind Spot ausleuchtet.

So sei auch ihm die Tragweite des Zusammenhangs zuvor nicht klar gewesen: „Afrika und Depression – das habe ich früher auch nicht miteinander assoziiert.“ Damit ist er nicht alleine: Immer noch werden psychische Krankheiten häufig in das Umfeld reicher, westlicher Leistungsgesellschaften verortet. Sie gelten als typische Probleme von Industrienationen – so wie etwa Burnout oder eben auch die Diagnose Depression. Eine Fehlannahme, die Mayberry zusammen mit der Arbeit von StrongMinds Schicht um Schicht abträgt.

StrongMinds wurde 2013 von Sean Mayberry als NGO gegründet, um an Depression erkrankten Frauen in Afrika zu helfen. Mittlerweile kooperiert die Organisation mit dem ugandischen Gesundheitsministerium, um mehr Fachkräfte ausbilden und entlegene Gebiete erreichen zu können. Mehr Infos unter strongminds.org, Spenden via effektiv-spenden.org/strongminds/ 

Seit Binderers Spende stehen beide im regelmäßigen Kontakt. Im April 2022 treffen sie sich zum ersten Mal auch persönlich. Auf der Veranstaltung „Verantwortung leben“ im Hochhaus des Süddeutschen Verlags, auf der Binderer als Hauptredner auftritt, stellt auch Mayberry seine NGO vor. Er erzählt, wie StrongMinds sein Angebot aufgrund der Pandemie kurzerhand mit Gesprächstherapie per Mobiltelefon ergänzt hat, über das immer mehr Menschen auch in Afrika verfügen. Um nachvollziehen zu können, ob, und wenn ja wie viel Qualität und Wirkung durch die neue Therapieform verloren gehen würde, hat die Organisation diesen neuen Schritt, ebenso wie all ihre anderen Aktivitäten, genauestens evaluiert. Mayberry: „Die Telefontherapie ist genauso effektiv wie die persönlichen Treffen. Das ist ein Gamechanger, denn so können wir künftig auch Frauen in ganz entlegenen Gebieten erreichen.“

Nicht nur das großartige Engagement Mayberrys und die Tatsache, dass StrongMinds ihre Arbeit regelmäßig von unabhängiger Seite bewerten lässt, beeindruckt Binderer. Auch jenes hemdsärmelige, zupackende Mindset, das sich besonders in der Pandemie gezeigt hat, hat Binderer imponiert: „StrongMinds“, so der Ex-Unternehmer, „hat aus einer Krise eine Chance gemacht. Die NGO zeigt die Hebelwirkung von mentaler Gesundheit auf die Mitmenschen und sendet mit ihrem Beispiel eine wunderbare Botschaft in die Welt.“

Bei der großen Relevanz des Themas drängt sich an jenem Abend zuletzt eine, vielleicht ketzerische Frage an Mayberry auf: Haben die anderen NGOs das Thema Depression sträflich vernachlässigt? Diesen Vorwurf will Mayberry nicht gelten lassen: „Lasst es uns eher so sagen: Wir sind Vorreiter! Der Einsatz, den die anderen Organisationen vor Ort leisten, ist enorm wertvoll – da kann man nur dankbar sein.“ Und natürlich werde auch eben dort geholfen, wo der Mangel am offensichtlichsten sei.  Das ist nachvollziehbar: Hunger oder körperliche Leiden sind auffällig, ob jemand depressiv ist, erkennt man hingegen nicht auf den ersten Blick.

Wie wertvoll es aber ist, gerade dort anzupacken, das belegen die effiziente Arbeit von StrongMinds und ihre Zahlen. Am eindrucksvollsten ist vielleicht diese: Schon eine Spende in Höhe von 105 US-Dollar reicht derzeit aus, um eine Frau von ihrer Depression zu befreien. Um sie zu befähigen, ein höheres Einkommen zu erwirtschaften, ihre Kinder wieder zur Schule zu schicken, anderen zu helfen. Umgerechnet sind das 100 Euro – für unsereins nicht viel. In Afrika ist es ein Leben.